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Eigeninitiative auf dem Nürburgring

Freies Fahren für Ferrari Formel 1

Nürburgring 2-3. Juli 1997

Altauto-Recycling einmal anders
Herr des Rings
Sagenumwobene Geschichten und Rennfahrer-Prominenz
Die siebziger Jahre und ein Lotterie-Gewinn
Freier Auslauf für die Zuschauer

Altauto-Recycling einmal anders

Gewiß, ein Formel 1-Wagen ist ein faszinierendes Stück Technik, doch was passiert eigentlich mit den ausgedienten Rennern, mit den Autos, die vom immer schneller voranschreitenden Fortschritt überholt worden sind?

Im Falle von Ferrari ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Sie werden verkauft. Zwar geht nicht jeder Formel 1 in private Hände über, doch vergleicht man mit anderen Top-Teams im Grand Prix-Circus, sind es erstaunlich viele.

Für den stolzen Besitzer, der das Auto oft ganz normal über den Vertragshändler in seiner Nähe bezogen hat, stellt sich indes eine ganz andere Frage, steht der Bolide erst einmal in der Heimischen Garage oder Werkstatt: Was fange ich mit ihm an? Die Einsatzmöglichkeiten für einen Formel 1 aus den letzten 10 Jahren sind nämlich arg begrenzt, denn selbst in der historischen Formel 1 Europameisterschaft, die den offiziellen Segen der FIA genießt, haben diese Wagen nichts verloren, denn dort darf nur mit vor 1984 gebauten Autos gestartet werden.

Herr des Rings

Der letzte noch verbliebene Ausweg ist eine geeignete Rennstrecke zu mieten. Weil das aber gar nicht so einfach ist, sind die Besitzer der ausgedienten Renner meist froh, eine geeignete Fahrgelegenheit geboten zu bekommen.

So geschehen am 2. und 3. Juli 1997 auf dem Nürburgring. Modena Motorsport, eine auf den Service von Ferrari, anderen italienischen Sportwagen und auf Formel 1 spezialisierte Werkstatt aus Langenfeld bei Düsseldorf, hatte es zum vierten Mal geschafft, den Eifel-Kurs im Hochsommer zu bekommen.

Nachdem in den vergangenen drei Jahren jeweils nur ein Tag oder ein paar Stunden zur Verfügung standen, war es Modena Motorsport-Chef Uwe Meißner in diesem Jahr gelungen, ganze zwei Tage lang Herr über den Nürburgring zu sein.

Und anders als in der Vergangenheit fanden sich 1997 fast ausschließlich Grand Prix-Wagen zum freien Fahren auf dem Grand Prix-Kurs ein, während früher immer ein eindeutiger Überhang an Straßen-Ferrari bestanden hatte.

Sagenumwobene Geschichten und Rennfahrer-Prominenz

Nicht weniger als 14 Autos samt Besitzern hatten sich eingefunden, darunter ein durchaus repräsentativer Schnitt durch die Autos der Nach-Turbo-Ära. 643, F93A, 412T und 412T2 seihen hier zu nennen einst gefahren von Alain Prost, Jean Alesi und Gerhard Berger.

Da sich dieses beeindruckende Feld schon vorher abzuzeichnen begann, hatte sich eine namhafte deutsche Brauerei als Sponsor eingefunden, der nicht zuletzt die Verdoppelung des zeitlichen Rahmens zu verdanken war.

Vollversammlung

Ältestes Auto war der 625F1 aus 1954. Die Fahrgestellnummer 54/1 aus dem Besitz des Schweizer Ex-Rennfahrers Jo Vonlanthen war 1954 an den französischen Privatier Robert Manzon verkauft worden.

625F1

Im Jahr zuvor hatte sie als Werkswagen unter dem Namen 500F2 Alberto Ascari zum Gewinn der Weltmeisterschaft verholfen. Weil Ferrari zu dieser Zeit aber noch nicht Buch führte über die Werkseinsätze seiner Renner, läßt sich nicht genau sagen, wo und wann das Auto gefahren wurde.

625F1

Dieses Schicksal teilt das anwesende Schwesterfahrzeug, der 625 F1 (S/N 0540) zum Teil: Von diesem ist nur der Erstbesitzer bekannt. Es war der Spanier Alfonso de Portago. Über die Vorgeschichte läßt sich nur spekulieren. Möglicherweise ist es das wiederauferstandene Auto eines belgischen Privatfahrers.

Vonlanthen & MassEmanuele Pirro & Bernd Schneider

Am zweiten Tag griff Jochen Mass ins Lenkrad von Vonlanthens Wagens. Der RTL-Formel 1-Kommentator und Grand Prix-Sieger war aber nicht der einzige prominente Fahrer am Ring. Auch zwei Tourenwagenchampions mit Formel 1-Erfahrung, Bernd Schneider und Emanuele Pirro, schauten am Ring vorbei.

Die siebziger Jahre und ein Lotterie-Gewinn

Eine besondere Beziehung zum Nürburgring hat der 312B2, der heute Helmut Gossens aus Krefeld gehört: Mit Fahrgestellnummer 005 gewann Jacky Ickx 1972 den Großen Preis von Deutschland - zu einer Zeit, in der Ferrari (mal wieder) eine Flaute durchmachte.

312B2

In den vergangenen Jahren war das geschichtsträchtige Auto während der Modena Motorsport-Veranstaltung von Jacky Ickx persönlich gefahren worden. Doch der Belgier mit Wohnsitz in Monaco sagte diesmal aus persönlichen Gründen ab.

Während ein Turbo-Ferrari gänzlich fehlte, waren die späteren siebziger Jahre gut vertreten: Aus Engelbert Stiegers Ferrari-Sammlung waren ein 312T2 (S/N 026) und ein 312T4 (S/N 038) an den Ring gebracht worden, um von seinen beiden Söhnen Patrick und Christoph gefahren zu werden.

312 T4

Beim T4 handelte es sich um Jody Scheckters Weltmeisterauto aus 1979. Auch wenn er mit diesem speziellen Wagen kein Rennen gewinnen konnte, sammelte er doch mit ihm wichtige Punkte zum Titelgewinn.

Uwe Meißner selbst war natürlich nicht nur als Zuschauer am Ring: Er fuhr einen F93A. Davon, daß Jean Alesi mit dieser eher unglücklichen Konstruktion zum Hinterherfahren verdammt war, merkte man am Nürburgring nichts. Im Lebenslauf von Meißners Auto gibt es einen witzigen Punkt: Statt verkauft zu werden, landete es im Preistopf einer italienischen Lotterie. Der Pensionär, der als glücklicher Gewinner gezogen wurde, fühlte sich dann doch nicht mehr rüstig genug, um sich selbst hinters Lenkrad zu klemmen, und so kam der F93A auf Umwegen nach Deutschland.

Freier Auslauf für die Zuschauer

Nach dem erneuten Erfolg wird es auch im nächsten Jahr ein freies Fahren dieser Art geben. Vielleicht werden dann noch ein paar mehr eine Anreise in Kauf nehmen, wie es Enrico Comerio schon in diesem Jahr tat. Der Italiener reiste mit seinem einst von Gilles Villeneuve gefahrenen 312T3 an.

Und bestimmt werden im nächsten Jahr auch wieder die Zuschauer auf ihre Kosten kommen, die hier weder auf besetzte Kassenhäuschen, noch auf abgesperrte Boxen stoßen. Formel 1-Wagen in Action und zum Anfassen zugleich kann man in Deutschland nirgends anders finden.

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