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DANCING IN THE RAIN

Goodwood Festival of Speed, 20 bis 22 Juni 1997

Mehr als ein Schaulauf
Im Schatten der Sieger
CanAm und der stärkste Ferrari aller Zeiten
Renn- Promis am laufenden Band
Schneller Prototyp

Das 50-jährigen Jubiläum von Ferrari wird natürlich überall auf der Welt gebührend gefeiert, einer der Höhepunkte war neben den offiziellen Feierlichkeiten aber ganz bestimmt die Homage an Ferraris sportliche Vergangenheit im Rahmen des Goodwood Festival of Speed. Abgesehen von einer beeindruckenden Ansammlung von Ferraris gab es hier im Süden Englands aber noch ein paar andere Überraschungen, einschließlich des Wetters.

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Bereits zum fünften Mal hatte der Earl of March in den Park von Goodwood House zu einem Motorsportfestival der ganz besonderen Art geladen: Kein hartes Rennen stand hier auf dem Programm, sondern ein Treffen der wertvollsten Rennwagen aller Zeiten, die eine aus den dreißiger Jahren stammende Bergrennstrecke im Park von Goodwood nacheinander unter die Räder nahmen. Dabei war es keineswegs verpflichtend, den Wagen auf Zeit die Alleebäume hindurch zu scheuchen. Man konnte das alles auch nur als Demonstrationsfahrt ansehen.

Neben den Autos steht in Goodwood traditionsgemäß die englische Kultur im Mittelpunkt, oder das, was man gewöhnlich dafür hält. Doch aus dem Flanieren in eleganten Kostümen und Picknicken auf dem Rasen wurde diesmal nichts, denn nach vier Jahren schönsten Sonnenscheins wurde das Goodwood Festival of Speed 1997 von massiven Regenschauern begleitet. Der nasse Segen von oben verwandelte den gepflegten englischen Rasen in eine bräunliche Schlammwüste, an der der Earl of March in den nächsten Wochen noch viel Freude haben wird (wenn er den Gärtnern bei der Arbeit zuschaut).

Nachdem in den vergangenen Jahren schon den verschiedensten Marken gehuldigt worden war, galt diese Ehre 1997 aus gegebenen Anlaß Ferrari. Das italienische Geburtstagskind durfte seine bedeutendsten Rennsportwagen kreisförmig direkt vor Goodwood House parken, und dabei einen zu Schauzwecken vertikal befestigten F310 in ihre Mitte nehmen. Beim Lustwandeln im Kreis der Boliden konnte der informierte Betrachter Worte hinunterbeten, wie "Sieger Le Mans 1962, Sieger Mille Miglia 1953, Sieger Tourist Trophy Goodwood 1961, Sieger Tour de France 1957, Sieger Sebring 1956, ...." um nach vollendeter Runde ehrfürchtig zu erschauern in Anbetracht dessen, was man da gerade gesehen hatte.

330TRI s/n 0808

Konkret heiß dies unter anderem, daß der 330TRI (S/N 0808) zu bestaunen war, mit dem Phil Hill und Olivier Gendebien 1962 in Le Mans den letzten Sieg für ein Frontmotorauto holten. Der Wagen aus Pierre Bardinons Sammlung wurde seit langer Zeit wieder einmal in der Öffentlichkeit gezeigt und dabei standesgemäß von Phil Hill gefahren. Der Weltmeister von 1961 war an diesem Wochenende ohnehin ein viel beschäftigter Mann, denn er fuhr auch noch die Replika des Wagen mit der er seinen WM-Titel errang Chris Rea, sowie den Chaparall F2 von 1967, mit dem er das BOAC 500 gewann und seine Karriere mit diesem Sieg beendete.

Phil Hill

Aus dem Besitz eines in der Schweiz lebenden Deutschen kam der 860 Monza (S/N 0604M) nach England, mit dem Juan Manuel Fangio höchstselbst (und unterstützt von Eugenio Castellotti) die 12h Sebring in 1956 für sich entscheiden konnte.

Auch die Entwicklung der 250GT Competition Berlinetten konnte Schritt für Schritt nachvollzogen werden: Mit dem Schirm in der Hand konnte man entlang folgernder Modell flanieren: Dem 250GT TdF (S/N 0677GT), mit dem Gendebien neben der Tour auch noch den Gran Premio Nuvolari (die letzte Etappe der Mille Miglia) gewann und Stirling Moss Goodwood-TT-Sieger, einer Berlinetta mit kurzem Radstand aus 1961 (S/N 2735GT). Der Wagen mit der Fahrgestellnummer 2643, ein optisch an einen Superamerica erinnernden 250GT, der als 250GTO-Prototyp anzusehen ist, stand neben den GTO in ihrer 1962er- und 1964er Form (S/N 3757 und S/N 4091). Einen Eindruck von der Eigeninitiative der Ferraristi früher Tage vermittelte der 250GT "Breadvan" der Scuderia Serenissima (S/N 2819GT), während der 250LM (S/N 5903) zeigte, wie es nach Ferraris berühmtester Modellreihe weiterging.

Breadvan, based on the 250GT SWB s/n 2819GT

Die Tatsache, daß sich Ferrari einst auch am CanAm-Sport beteiligt hat, ist ein heute kaum noch erwähntes Kapitel. Um so erstaunlicher war, daß nicht weniger als drei CanAm-Ferrari in Goodwood waren: Der Wagen aus dem Besitz von Symbolic Motorcars (S/N 0844), einem californischen Händler, hat in seinem Leben schon so einiges mitgemacht. Auf die Welt kam er als Werkswagen P3 in 1966, bevor er 1967 zum 412P (der Kundenversion des P4) wurde und an N.A.R.T. ging. Die Amerikaner bauten ihn dann zum CanAm-Spider um, so wie er heute noch erhalten ist. Der zweite amerikanische Ferrari war einer von zwei speziell für diese Rennserie gebauten 612P (S/N 0866), heute Robert Dusek gehört. Dritter CanAm im Bunde war der leistungs- und hubraumstärkste Ferrari aller Zeiten, der 712 CanAm, der 1972 auf Basis eines 512M (S/N 1010) entstanden war. Die Sieben vor der Zwölf in der Typenbezeichnung verweist in der Tat auf einen 7-Liter-Motor. Niemals hat Maranello ein größerer Motor verlassen (die rund 700PS entsprechen in etwa der Leistung eines modernen Grand Prix-Wagens).

Robert Dusek in his 612P s/n 0866712 P s/n 1010

Rechnet man den 412P CanAm dazu, so waren in Goodwood nicht weniger als drei von vier gebauten 412P vertreten, denn 0850 (ex-Ecurie Francorchamps) und 0854 (ex-Maranello Concessionaires und David Piper Auto Racing) präsentierten sich in ihrer originalen Form.

412P s/n 0854

Daß die sonst so selten anzutreffenden Prototypen der sechziger Jahre in Goodwood den Ton angaben, zeigten auch der 212E Montagna (S/N 0862), mit dem Peter Schetty die Berg-Europameisterschaft 1969 gewann, und Ferraris erster Achtzylinder, der 268SP (S/N 0798). Ein kleiner Dino 206S (S/N 016) hatte aus Schweden den Weg nach England gefunden.

212 Montagna s/n 0862Dino 268SP s/n 0798IMG0007

Aus der beachtlichen Sammlung von Nick Mason stammte der 512S (S/N 1026). Weil die Formel 1 aber bekanntlich das Herz von Ferrari ist, hatte der Pink Floyd-Drummer auch noch seinen 312T3 (S/N 034) mitgebracht, mit dem Gilles Villeneuve 1978 seinen Heim-Grand Prix gewann, sowie den 156/85 Turbo (S/N 082), mit dem der ewig glücklose Stefan Johansson seine besten Formel 1-Plazierungen erzielte: Zweiter in Canada und USA.

312T4 s/n 040

Da es in Goodwood im Gegensatz zu echten Rennen für die Besitzer quasi verpflichtend ist, das Steuer den Leuten zu überlassen, die auch schon früher daran gedreht haben, steuerte Carlos Reutemann den 312T3 (schließlich gewann der mit einem Schwesternauto einen Grand Prix). Den Turbo teilten sich über das Wochenende Johansson selbst, sowie René Arnoux und Eddie Irvine. Ferraris aktueller Grand Prix-Pilot bekam so einen Endruck davon, wie die Formel 1 eine Dekade vor ihm aussah.

Damit aber noch nicht genug der Berühmtheiten: In einem Up-Hill-Durchgang, der exklusiv für Ferraris Grand Prix-Berühmtheiten reserviert war, steuerte Tony Brooks sein wiederentstandenes Vize-WM-Auto aus 1959, der 246 Dino (S/N 0003), Chris Amon den 312 (S/N 0003), mit dem er 1967 Dritter in Monaco wurde, und Jody Scheckter seinen Weltmeister-312T4 (S/N 040). Derek Bell saß am Steuer des Dino Tasman (S/N 0010), der ihm eben diese Meisterschaft 1969 einbrachte. Nur John Surtees mußte fremdgehen, denn vom 158, der ihm zu WM-Ehren verhalf, gibt es im Moment kein fahrbereites Exemplar. Dafür durfte er erleben, wie sich einst Fangio und Gonzales am Volant des 166FL (S/N 011F) mit seinen aufgeladenen Zwölfzylinder fühlten.

Dino 246 Grand Prix Car s/n 0006R2312 F1 s/n 003156/85 s/n 082

Weil es eigentlich niemandem wirklich auf die Zeiten ankommt, starten die meisten Fahrer ohnehin nur zur Show. Einige unermüdliche ließen trotzdem messen, wie lange sie für die nicht gerade ungefährliche Bergstrecke brauchten. Aber wegen der wechselnden Wetterbedingungen waren die Resultate aber nicht repräsentativ.

Die schnellste offizielle Ferrari-Zeit wurde für den 412P (S/N 0854) von Paul Vestey gestoppt, der vom Earl of Arundel in 58.0 sec über die Strecke gefahren wurde.

Schnellster des Wochenendes war McLaren-Testfahrer Nick Heidfeld im McLaren-Mercedes MP4/12. Der designierte deutsche Formel 3-Meister 1997 benötigte für den Sprint 47.3 sec.

Trotz des Wetters war das Goodwood Festival of Speed auch 1997 wieder ein voller Erfolg.

Nachdem Ferrari auf so eindrucksvolle Weise gefeiert wurde, bleibt abzuwarten, was sich der Earl of March im nächsten Jahr einfallen läßt - dann hoffentlich wieder bei Sonnenschein.

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